Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Nikolaus, Nikolausberg

Predigtgedanken zu Pfingstsonntag (P. Gert Liebenehm-Degenhard)

Sat, 30 May 2020 20:41:19 +0000 von Christian Bode

Apostelgeschichte 2: Am Anfang gab es Krach
 
Am Anfang, am Anfang war nicht das Wort. Am Anfang war - auch nicht die Tat. Am Anfang gab es Krach! Getöse, Rauschen, ein Brausen, Lärm. So schildert Lukas in der Apostelgeschichte das Kommen des Geistes Gottes über die verwaiste Schar der Anhänger Jesu. Damit beginnt das Pfingstfest – die Ausgießung des Heiligen Geistes: Dieser Kraft, die weht, wann sie will – die biblischen Sprachen benutzen für diese Geistkraft dasselbe Wort wie Atem und Wind. 

Am Anfang der Kirche jedenfalls gab es Krach: "ein Brausen, wie wenn ein gewaltiger Wind daherfährt". Ein Sturm und kein laues Lüftchen sollen wir uns wohl denken, samt dem dazugehörenden Lärmfaktor im ganzen Haus. Wenn es wir es uns so vorstellen, dann gleich mit der ersten Reaktion: Bei diesem Krach versteht man ja sein eigenes Wort nicht mehr und das Wort des anderen schon gar nicht!
 Sollte das möglicherweise eine Absicht des großen Lärms gewesen sein? Dass unser Rede- und unser Gedankenfluss unterbrochen wird. Vielleicht verbunden mit dem Hinweis, dass sich dies vor allem die Prediger und Pastoren mal merken sollte. Zugegeben. Und doch erleben wir es auch bei anderen Gelegenheiten: die Erleichterung, wenn ein/e Vielredner/in unterbrochen wird oder endlich zum Ende kommt. Denn geredet wird viel. Manche beseufzen eine Welt voller Gerede, die oft leer an heilsamen Worten sei. Oder wehren sich damit gegen die Erfahrung, an die Wand geredet zu werden, so dass man nur Bahnhof versteht, obwohl man nicht zum Zug kommt.

Lukas erzählt seine Geschichte auf dem Hintergrund der babylonischen Sprachverwirrung. Die Menschen, so schildert es das 1. Buch Mose, bauten einen Turm zu eigener Ehre, um Gott abzuschaffen, „wer brauche ihn schon“, und in dem Augenblick, in dem sie glaubten, Gott gekündigt und den Menschen an seine Stelle gesetzt zu haben, just in diesem Moment verlieren sie ihre gemeinsame Sprache: Jeder spricht nur für sich selbst.


Die Kinder Babels verstehen einander nicht. Sie reden und reden aneinander vorbei, sie versprechen und täuschen, sie sagen die Wahrheit oder lügen in einem. Sie sagen dasselbe Wort und meinen völlig verschiedene Dinge. Sie reden um den heißen Brei herum, versprechen, vertrösten, vertuschen, verunsichern, verbreiten Verschwörungsmythen, verunsichern mit Vorurteilen. Manchmal entsteht der Eindruck, das ganze Berufsgruppen dazugehören, in denen es oft darauf ankommt, viel zu reden, aber wenig damit zu sagen (Politiker bekommen diese Schelte oft zu hören, Bundesligatrainer zuweilen ebenfalls, Pastoren sind sowieso miteingeschlossen – und natürlich ist diese Zusammenstellung wiederum selbst eine unzutreffende Verallgemeinerung). 
 Dass Menschen sich nicht verstehen, scheint der Normalzustand zu sein. 

Nehmen wir darum das Brausen vom Himmel als heilsamen Krach, der alles zum Schweigen bringt. So als käme der Gottes Geist erst zu uns, um die Welt erneuern, wenn unser babylonisches Gerede unterbrochen wird. Nachdem alles still geworden ist, erzählt Lukas wie ein neues Sprechen entsteht, das Verstehen ermöglicht und uns auf den Weg zum anderen bringt.

Wie aber hört sich dieses andere, aus dem Schweigen kommende, aber von Gott gewirkte Sprechen an?
 Die einen erstaunt es, andere erschreckt das, manche halten die Jünger für "voll des süßen Weines" - oder schlicht besoffen. Die neugeborenen Sprecher jedenfalls, die vom Geist erfüllten, erzählen einmal nicht von sich selbst, ihren Erfahrungen und Erlebnissen, sie berichten von Gottes Taten, und in diesem Gotteslob scheint der Schlüssel zu einer neuen Sprache zu liegen.
 Im Lob Gottes - da also, wo einer von uns ganz von sich wegsehen kann - da erst geht die babylonische Sprachverwirrung endgültig unter: Die neue Sprache bezieht sich auf das, was Menschen verbindet, was uns alle angeht, was uns trägt, von dem wir leben!

Darum verstehe ich Pfingsten nicht als fromme Legende, sondern als Vision einer menschengerechteren Zukunft. Man stelle sich vor, Menschen reden auf den Straßen in Jerusalem, Berlin, New York, Göttingen, Nikolausberg und hören sich wirklich zu und beginnen einander zu verstehen! Die Worte, Sätze, die Sprache tut das, was wir doch schon immer wünschten: Sie trägt und erfüllt, statt uns Fallen zu stellen und uns zu täuschen.


Am Anfang, am Anfang der Kirche jedenfalls, gab es heilsamen Krach und danach, wie nach einem reinigenden Gewittersturm, sah die Welt anders aus: Das Leben konnte neu erwachen: die Luft war rein und frisch. Pfingsten also: Tief ausatmen – und sich lösen von den vielen Worten, den vielen Gedanken. Und dann spüren, dass vor dem Einatmen eine kurze Pause einsetzt, eine heilsame Unterbrechung, bevor der Atem einströmt und uns füllt und erneuert und wir die Hände ausstrecken nach Gottes Atem, Wind, Geistkraft. Und da wo unser Sprechen aus dem Geist kommt, erleben, dass es leichter wird, spontaner - sogar freundlicher und verbindlicher. Geist-reiches Reden, geistes-gegenwärtig sprechen - geschieht, wo wir uns in unseren Problemreden unterbrechen lassen. Man hört sogar davon, dass man Geistbegabte daran erkennt, dass sie sich gelegentlich selbst auf die Schippe nehmen und über sich lachen.
 So dass man staunen kann, was manche doch zu sagen haben! 

Gert Liebenehm-Degenhard 
Quelle: Uhu