Predigt an Silvester 2020 über Ex 13, 20-22 in der Klosterkirche Nikolausberg

Fri, 01 Jan 2021 15:42:11 +0000 von Christian Bode

20 So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. 21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. 22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.


Wenn einer richtig dabei ist, begeistert, konzentriert, präsent, von dem man es gar nicht erwartet hatte, dann sagt man: „Der geht ja richtig mit!“
So geht es dem Volk Israel auf dem Weg aus der Knechtschaft in die Freiheit. „Der geht ja richtig mit“. Präsent in Wolken- und Feuersäule ist Gott.
Das habe ich in der Predigt gesagt, Silvester 1974 in St. Petri- Weende, es war mein letzter Tag dort als Vikar. In den Silvesterausgaben der Zeitungen stand an jenem Tag die Überschrift „Wenig Hoffnung für 1975“. Was war 1974 passiert? Die Ölkrise wirkte nach. Der Benzinpreis war von 62 auf 83 Pfennig gestiegen. Willy Brandt war zurückgetreten. Nixon trat zurück wegen Watergate. Die Engländer gerade in die EWG aufgenommen, machten ihren ersten Ärger. Alexander Solzenizyn war verhaftet worden. Deng Xiaoping brachte in einem kommunistischen Einparteien-Staat den Kapitalismus auf den Weg. Wenig Hoffnung für 1975.
 
Haben wir Hoffnung für 2021? Ja, natürlich, viel Hoffnung. Denn wir durchschreiten gerade existentielle Wege und Erfahrungen, die uns prägen werden.
 
Ich gehe ihnen in vier Schritten nach:
 Abschied nehmen – Umwege gehen – Wüste erfahren – ankommen.
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1.      Abschied nehmen
Wir haben in 2020 manchen Abschied genommen. Vom Kuscheln zum Beispiel, vom Knuddeln. „Wir sind dort getroffen, wo wir am menschlichsten sind“, sagt die Kanzlerin in ihrer Neujahrsansprache heute abend. Das Umarmen.
Wenn ich 1975 in meiner ersten Gemeinde im Weserbergland einen Mann in den Arm genommen hätte, dann hätte man mich für schwul gehalten. Hätte ich gar in der Öffentlichkeit eine Frau umarmt, hätte man gesagt: „Nun wird er bald Vater und hat schon ein Techtelmechtel“. Umarmen war verpönt. Aber allmählich kam es auf, immer mehr. In einer Lebenswelt, in der jeder individualistisch leben will, dann kommt er ohne Nähe nicht aus, um nicht zu vereinsamen. Die Umarmung vergewissert, dass ich nicht allein bin. Und nun plötzlich in diesem Jahr: social distancing. Ein Abschied.
 
2.      Abschied von der Familie
Manche haben in diesem Jahr ihre Eltern oder Partner allein sterben lassen müssen. Besuchsverbot in den Kliniken, Altenheimen. Die Weihnachtspost, die wir diese Tage erhalten haben, erzählen von dem Schmerz.
Auf der anderen Seite  wurde Familie stark in diesem Jahr. Ich weiß, wohin ich gehöre, ich bin nicht allein. Zwei Haushalte. Am besten Familie. Es bewahrheitete sich das Gedicht „Herbst“ von Rilke. „Wer jetzt allein, wird es lange bleiben“.
 
3.      Abschied von der Selbstüberforderung
Unsere Lebenswelt war ganz klar strukturiert.  Wir haben ein Problem. Wir formulieren ein Ziel, die einzelnen Schritte zur Lösung. Wir machen controlling. Anschließend sagen wir. „Wir werden noch besser werden“. Geht nicht mehr, wenn alles still steht.
 
4.      Abschied von der Selbstkontrolle auf dem Weg zur Freiheit
Nichts hasst der selbstbestimmte Mensch mehr als die Kontrolle zu verlieren. „Take controll again“, sagen die Brexitiers in England. Nicht fremd bestimmt werden. Die Lebenshaltung des postmodernen Menschen ist: „Ich bestimme, was ich wann mit wem wo wie lange mache“. Doch dann kam Corona. Wann? In Frage gestellt. Wo? Im Wald? Mit wem? Wie viele Haushalte? Wie lange, wenn die Räume ständig gelüftet werden müssen? Abschied von der Kontrolle.
 
5.      Abschied vom Gemeinwohl
Der Philosoph Michael Sander erklärt in seinem gleichnamigen Buch die zunehmende Ungerechtigkeit in unserem Land. Seine Begründung ist protestantisch, paulinisch.
Er sagt: Der Mensch erklärt seinen Erfolg mit seiner eigenen Leistung, nicht mit seiner Herkunft oder seinem Geschlecht. Durch mich bin ich was ich bin. Es wächst ein Elitebewusstsein. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die haben keinen Erfolg wegen ihrer Herkunft, ihres Geschlechts. Sie fühlen sich als Verlierer. Wie sind sonst die 74 Millionen Wähler von Trump in den USA zu erklären. Gewinner und Verlierer, das spaltet die Gesellschaft. Corona hat die Entwicklung beschleunigt.
 
6.      Abschied von gehetzten Weihnachtseinkäufen vor Heiligabend, von der Böllerei an 
Silvester. Ein Abschied, der wohl tut.
 
7.      Abschied von der Systemrelevanz von Kirche
Die geistlichen Worte in Frühsommer kamen nicht von unseren Bischöfen, sondern von zwei Politikern.
Jens Spahn: „Wir werden uns viel zu verzeihen haben“.
Schäuble: „Der Mensch ist mehr als seine Gesundheit“. Ja, wenn Er das sagt.
 
Abschiede waren das in 2020, Abschiede von der Knechtschaft der
Selbstüberforderung
Selbstkontrolle
Selbstgewissheit
Selbstbestimmung
Des Selbstverständlichen.
 Das wurde dem selbstbewussten Menschen zugemutet.
Abschied von dem Selbst. Vom Selbst, das sich im Egoismus geäußert hat. Jetzt ist Solidarität gefragt. Mit Selbstbewusstsein.
 
Umwege
„Der geht ja richtig mit“. Ja, Umwege sind gut. „Da führte sie Gott nicht den Weg durch das Land der Philister, der der kürzere gewesen wäre; sie würden umkehren, wenn sie die Kämpfe vor sich sähen“. Gott weiß, dass sie den Kampf auf dem kürzesten Weg nicht durchstehen würden. So ein Gott ist er.
Umwege sind gut. Wenn ich mein eigenes Leben betrachte: die nicht von mir selbst gewählten Umwege haben mir Glück gebracht.
Wir sind auf dem Weg nach Hannover, die Autobahn ist fast leer, plötzlich die Sperre: Umleitung wg Vollsperrung. Wir fahren über Algermissen und Sehnde, Orte, die ich vom Namen her kannte, aber nie gesehen hatte. Nun fahren wir durch, lernen sie kennen.
Die Forschung lebt von den Umwegen, die großen Entdeckungen, Fehler finden, neues probieren, Zufälle entdecken. Umwege sind kreativ. Corona hat uns zu manchem Umweg gezwungen. Gott kennt unsere Kräfte, was er uns zumuten kann.
 
Wüste
Auf dem Weg in die Freiheit geht es über Umwege durch die Wüste. Weiter Blick, viel Sand, Hitze, Oasen zum Anhalten. Er geht vor ihnen her, ist präsent in der Wolken- und der Feuersäule. Tag und Nacht ist er da. „Der geht ja richtig mit“. Eine Säule, die gehen kann. Was für ein Bild. Die Wirbelsäule. Ohne Wirbelsäule würden wir keinen Schritt gehen können. Gott ist unsere Wirbelsäule.
Was haben sie in der Wüste?
1.      Essen und trinken
2.      Die 10 Gebote
3.      Die Zeichen seiner Gegenwart
4.      Einen charismatischen Führer
 
Ja, essen und trinken. Und die Weisungen, wie ein Zusammenleben gelingen wird. Es ist Zeit für uns, das Wort Gottes zu würdigen. Die Zeichen seiner Gegenwart, das sind heute Sie, die Gemeinde unter seinem Wort und Segen. Geistliche Führer? Mose war es damals. Er wußte von Anfang an, dass er niemals als Sieger und Held gefeiert werden würde. Er wird das Ankommen niemals erleben, er wird vorher sterben. Das hilft zur Demut. 
Haben wir geistliche oder geistige Führer in 2020 gehabt?  Ehe einer sich als solcher profilieren konnte, war er von den Medien schon kaputt geschrieben.
 
Ja, am Ende, habe ich dieser Tage als Zitat gelesen, zählt nicht, was ich geglaubt habe, sondern ob ich glaubwürdig war. Ob mein Glaube so würdig gehalten wurde, dass ich ihn gelebt habe und er meine Wege geprägt hat.
 
Ankunft
Die Ankunft steht noch aus. Unser Landesbischof Ralf Meister hat in einem Brief an uns Pastoren geschrieben, in diesem Jahr seien wir wie in einem Exil gewesen. Im Exil wachse das Heimweh nach zu Hause. Ja.
 
Aber auf dem Weg zur Ankunft nehmen wir Erfahrungen und Erkenntnisse mit.
-          Ein muslimisches Ehepaar in Deutschland, er aus Köln, sie aus dem Emsland, haben einen Impfstoff gegen Corona entwickelt.
-          Wir werden nicht Pessimisten werden. Dietrich Bonhoeffer schreibt in seinen Gefängnisbriefen. Der Optimist wagt eine Prognose für die Zukunft. Der Pessimist hat Angst sich zu blamieren, dass er einmal falsch gelegen hat. Wir sind Optimisten, wir haben Hoffnung.
-          Wir haben neu erfahren, was Schicksal ist. Etwas, das unerwartet über uns kommt, in Corona weltweit, gleichzeitig. Man nennt das heute nicht mehr Schicksal, sondern Kontingenz, ist aber dasselbe.
-          Und: Das Wort Freiheit gibt es im Hebräischen, im Denken des Alten Testamentes nicht. Wohl aber das Wort „Befreiung“. Also nicht den Zustand, aber den Prozess, den Weg. Aus der Knechtschaft in  die Freiheit, das ist immer ein Weg. Und den werden wir gehen.
-          Mein Motto für 2021 wird sein das alte Lied. „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt.“
„Der geht ja richtig mit“.
 
Übrigens: Was war im Jahr 1975? Der Vietnamkrieg wurde beendet. Die Schlussakte von Helsinki im KSZE-Prozess wurde beschlossen. Der Weg vom Westen nach Berlin wurde erleichtert. Die ersten Schritte zur Auflösung des Ostblocks und zur Wiedervereinigung waren das.
 
Ich beschließe dieses Jahr mit der Poesie. Die große alte jüdische Dichterin Hilde Domin:
 
 Man muss weggehen können
Und doch sein wie ein Baum.
Als bliebe die Wurzel im Boden.
Als zöge die Landschaft und wir ständen fest.
Man muss den Atem anhalten,
bis der Wind nachlässt
und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt.,
bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau, 
die alten Muster zeigt
und wir zuhause sind, 
wo es auch sei,
und niedersitzen können und uns anlehnen
als sei es an das Grab
unserer Mutter.

Heinz Behrends,  Superintendent i.R.
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